24.11.2001 - 10.2.2002
Von ferne lässt grüssen
Schweizer Orientmalerei
des 19. Jahrhunderts
Frank Buchser
Nackte Sklavin mit Tambourin. 1880
Kunstmuseum Solothurn
Der hervorragende Bestand von Marokko-Bildern des Solothurner Malers Frank Buchser (1828-1890), darunter das Meisterwerk Markt von Tanger (1880), ist für das Kunstmuseum Solothurn Anlass und Verpflichtung, das bislang kaum behandelte Thema der Schweizer Orientmalerei des 19. Jahrhunderts in einer Überblicksausstellung von Bildern, Aquarellen, Zeichnungen und Skizzenbüchern verschiedener Afrika-Fahrer zu präsentieren.

Nach Napoleons Ägyptenfeldzug kommt es während des ganzen 19. Jahrhunderts zu einer eigentlichen Orient-Mode, zumal in Frankreich, wo nach dem Vorbild von Ingres und Delacroix die exotischen Motive von unzähligen Malern gepflegt werden. Da die Blütezeit der Orientmalerei mit dem Höhepunkt des europäischen Kolonialismus korrespondiert, tritt sie als Strömung vor allem bei Kolonialmächten auf.
Während sich in Frankreich viele Künstler ganz dem Orientalismus widmen, bildet er bei Schweizer Malern, die ihn zumeist in Paris kennenlernen, nur gerade eine bestimmte, zumeist mit Afrika-Reisen verbundene Schaffensphase. Auffallend ist zudem, dass sich unter den Schweizer Orientalisten vor allem Romands befinden, denen sich das französisch beherrschte Nordafrika schon sprachlich eher öffnet. Wird der Orientalismus europäischer Kulturzentren gerne von der grossstädtisch geprägten Salonmalerei aufgegegriffen, die das Exotische von Harem- oder Badeszenen, von Luxus und Abenteuer liebt, reisen Schweizer Orientmaler eher aus ethnologischem oder landschaftlichem Interesse nach Afrika. Zwar bleibt auch in der Schweizer Orientmalerei der Realitätsgehalt der Bilder fraglich, doch scheinen sie in einer allgemeinen Beschäftigung mit Licht und Landschaft aufzugehen, die den malerischen Realismus des 19. Jahrhunderts bestimmt.
In der ersten Hälfte des Jahrhunderts reisen Schweizer Maler vor allem aus volkskundlichem und geographischem Interesse in die arabische Welt: Charles Gleyre (1806-1874) begleitet als Reise-Chronist 1834-37 einen amerikanischen Industriellen nach Ägypten und in den Sudan, Karl Girardet (1813-1871) und Edouard Girardet (1819-1880) fahren im Auftrag der französischen Regierung 1842 nach Ägypten. Der Winterthurer Künstler Johann Caspar Weidenmann (1805-1850) schliesslich, neben Buchser der wohl bedeutendste Orientalist der Deutschschweiz, hält sich bereits 1838-39 in Algerien auf. Bei den Werken, die während diesen beschwerlichen Reisen und Expeditionen entstehen, handelt es sich bezeichnenderweise vor allem um Arbeiten auf Papier und Karton oder um kleinformatige Bilder.

Mit Louis-Auguste Veillon (1834-1890) und Jacques Hermanjat (1862-1932) bestimmen in der zweiten Jahrhundert-Hälfte eher malerische Interessen den Schweizer Orientalismus. Im Mittelpunkt steht eine von Licht, Atmosphäre und Stimmung beherrschte Landschaftsmalerei.
Frank Buchser, der 1858, 1860 und 1880 in Marokko weilt, verbindet in seinem Schaffen beide Tendenzen. In seinen Skizzenbüchern zeigt er sich als genauer Beobachter der Menschen, Sitten und Gebräuche, in seiner Malerei dagegen, zumal in den grösseren Formaten, die nicht vor Ort gemalt werden, dominieren das Exotisch-Märchenhafte des Inhalts oder das Formale einer brillanten „Peinture“.
Es sollen nicht nur die besagten Tendenzen von ethnographischer Recherche und Landschaftsmalerei gezeigt werden, sondern auch der Wechsel der Realitätsebenen zwischen Beobachtung und Phantasie. Skizzenbücher und spontane Ölskizzen stehen für das direkte Erleben und Aufnehmen, Atelierbilder dagegen reflektieren die künstlerischen Bedürfnisse der Maler oder aber die spezifischen Wünsche des Publikums nach einer Welt der „edlen Wilden“.

Die Ausstellung möchte in rund 80 Werken aus verschiedenen Schweizer Museen die Hauptexponenten der Schweizer Orientmalerei des 19. Jahrhunderts vorstellen. Zu diesen zählen Frank Buchser, Rudolf Durheim, Etienne Duval, Gaspare Fossati, Johann Jakob Frey, Karl Girardet, Henri Edouard Girardet, Eugène-Alexis Girardet, Charles Gleyre, Jules Hébert, Abraham Hermanjat, Jean-Léonard Lugardon, William Mayor, Adolf Karl Otth, Louis-Auguste Veillon, Johann Caspar Weidenmann und Johann Rudolf Weiss.


Katharina Ammann
Wissenschaftliche Assistentin

Dr. Christoph Vögele
Konservator



Zur Ausstellung erscheint eine Publikation (Kehrer Verlag Heidelberg, Texte von Christoph Vögele und Katharina Ammann, 43 Farb-Abbildungen, Fr. 45.-)



Veranstaltungen:

Vernissage mit musikalischen und kulinarischen Genüssen aus dem Orient. Konzert und orientalischer Tanz mit El Salam (24. November 01, 17 Uhr)

Alex Capus liest aus seinem Buch Munzinger Pascha und spricht über Schönheit und Mühsal von Orientreisen im 19. Jahrhundert (13. Dezember 01, 19 Uhr)

Rafik Schami unternimmt eine erzählerischen Reise durch die Wirklichkeiten
und Klischees des Orients (17. Januar 02, 19 Uhr)




Öffentliche Führungen:

Sonntag, 16. Dezember 2001,
Sonntag, 13. Januar 2002, um 11.00 Uhr

Gruppenführungen auf Anfrage