Graphisches Kabinett: 28. Oktober 2001 bis 6. Januar 2002
Dieter Hall:
Bed, Bathroom and Beyond.
Pastelle 1999-2001
Im Graphischen Kabinett werden 34 zwischen 1999 und 2001 entstandene Pastelle des 1955 in Zürich geborenen, seit vielen Jahren in New York lebenden Malers Dieter Hall ausgestellt. Dabei handelt es sich um die erste Einzelausstellung des Künstlers in einem Museum.

Die Intimität des Graphischen Kabinetts entspricht der Intimität der ausgestellten Werke. Im Zentrum steht der nur noch selten als Gattung gewählte Akt. Dargestellt sind Männer, die sich aus- oder anziehen, sich waschen, abtrocknen, pflegen oder ausruhen, in Schlafzimmern, Badezimmern und Toiletten. Die motivische Verwandtschaft mit den berühmten Pastellen von Edgar Degas ist offensichtlich. Die berückende Sinnlichkeit, die ungewöhnlichen Kompositionen, der Reichtum an Perspektiven auf den menschlichen Körper haben Hall zwar fasziniert, gleichwohl geht er nicht von Degas‘ Kunst, sondern vom erlebten Gegenüber aus.
Halls Männerakte sind ganz unserer Zeit verbunden. Unprätentiös, selbstverständlich wird uns ihre Nacktheit gezeigt, ohne Voyeurismus oder klassische Überhöhung. Obwohl uns die Akte zuweilen auch frontal begegnen, stellen sich Halls Männer nie aus, posieren nicht. Das Sich-Zeigen und Anschauen geschieht ohne Scham und Peinlichkeit; die Betrachterinnen und Betrachter dürfen sich auf die Schönheit von Körpern und Stoffen konzentrieren. Neben der ausgesprochenen Sinnlichkeit, die dank der Leuchtkraft der Pastelle noch verstärkt wird, berührt Halls Figuration auch durch die einfühlsame Erfassung der Menschen. Berührung wird in mehrfacher Weise zum Thema: Zum einen reibt Hall die Farben tief und weich in den Malträger ein, zum andern wächst gerade auch dadurch der Wunsch nach Nähe, nach Berührung und Berührt-Sein. Taktiles Tun und emotionales Bewegen begegnen sich; Körper und Psyche sind in Halls Menschen-Bildern eng miteinander verbunden. So sind seine Figuren denn auch weit mehr als blosse Modelle, ihre Individualität bleibt gewahrt. Nacktheit wird als Zustand der Verletzlichkeit und Intimität respektiert. Gerade in der behutsamen Wahrnehmung des Individuums werden existentielle Themen angetönt: Zärtlichkeit und Sexualität, Krankheit, Altern und Sterben.
Dieter Hall, der sich seit vielen Jahren dem Männerakt widmet, wagt sich mit seiner figurativen Malerei in einen selten gewählten Motivbereich. Das Sich-Aussetzen macht nicht nur den Inhalt, sondern auch die Haltung seiner Kunst aus. Dazu gehört auch die ganz unakademische Bildsprache. Nicht richtig, sondern wahr sollen seine Menschen dargestellt sein.

Neben Aktbildern umfasst die Ausstellung auch reine Interieurs. Sie leben von der Stimmung ihrer vorübergehenden Verlassenheit, suggerieren aber dadurch umso eindringlicher die Präsenz ihrer möglichen Benutzer. Neben ihren intensiven Stimmungen bestechen diese Blätter durch den subtilen Einsatz von Weiss- und Schwarztönen.

Dieter Halls Werke können im Umfeld der zeitgenössischen Figuration rezipiert werden, zu deren bekanntesten Vertreterinnen Marlene Dumas und Elizabeth Peyton gehören. Halls erstmals präsentierte Pastelle leisten hierzu einen ebenso eigenständigen wie bedeutenden Beitrag.

Christoph Vögele


Zur Ausstellung ist im Kehrer-Verlag Heidelberg ein umfangreiches, zweisprachiges Katalogbuch (D/E) mit zahlreichen Farbabbildungen sowie zwei Aufsätzen erschienen.