3. Februar bis 1. April 2002
Jean Mauboulès
ZEICHNUNGEN. Skulpturen, Reliefs, Arbeiten auf Papier

Unter dem Titel ZEICHNUNGEN wird das Schaffen von Jean Mauboulès (*1943 in den französischen Pyrenäen) umfassend gezeigt. Wurden bislang einzelne Gattungen oder Werkphasen präsentiert, unternimmt die neueste Ausstellung den Versuch, das Gesamtschaffen aus Mauboulès‘ primärem Interesse für Raum und Zeichnung zu verstehen, das die Sicht des ausgebildeten Architekten seit jeher geprägt hat. Der Titel ZEICHNUNGEN bezieht sich denn auch nicht nur auf herkömmliche, mit verschiedenen Materialien bezeichnete Blätter, sondern ebensosehr auf seine Skulpturen und Reliefs, die sich als Raum-Zeichnungen dreidimensional behaupten, mit der zweidimensionalen (Wand-)Zeichnung ihres Schattenwurfes aber zugleich eine zweite, wechselhafte Seite des Zeichnerischen besitzen. Die Ausstellung erhebt den Anspruch einer Übersichtsausstellung. Sie schliesst unter dem Thema von Zeichnung und Line unterschiedlichste Formate, Techniken und Serien ein, denen sich Mauboulès in den letzten dreissig Jahren gewidmet hat. In der Fülle künstlerischer Zugänge fällt die Konsequenz des Denkens und Gestaltens auf. Immer neu setzt Mauboulès, ebenso einfühlsam wie präzis, seine einfachen Zeichen in den Raum, an die Wand, aufs Blatt, um auf die Leere zu antworten und diese zugleich als Freiraum sichtbar zu machen.

Mauboulès’ Werke erlauben ein langes, langsames Betrachten, meditative Versenkung. Trotz ihrer Exaktheit ist ihnen alles Starre fremd. Wir glauben vielmehr ihren Bewegungen, den Spuren der Entstehung endlos folgen zu können, um uns in ihren Kreisbewegungen und Linienschwüngen zu verlieren. Die Präzision des Künstlers gleicht den geduldig-endlosen Übungen von Zen-Meistern. Ebensosehr schöpft er aus dem Zufall. Aus Klecksen werden sinnvolle Formen, aus vielfach verformten Metallabfällen entstehen feingliedrige Reliefs. Gerne sucht Mauboulès Zwischen-Bereiche, die im labilen Gleichgewicht das eine wie das andere berühren. Die entschiedene Unentschiedenheit ist seine Sache. Damit geht ein dialektischen Denken einher, das in polaren oder dualen Gestaltungsweisen visualisiert wird.

So offen uns Mauboulès’ Werke begegnen, so schwierig ist ihre kunsthistorische Situierung. Wurde sein Schaffen vorerst im Kontext der kon-struktiven und konkreten Kunst rezipiert – Max Bill gehörte zu Mauboulès‘ frühen Förderern – , sind auch Vergleiche zur amerikani-schen minimal art möglich. Bezeichnenderweise gehören zu seinen Vorbildern aber Einzelgänger wie er selber. Neben Brancusi bewundert er weniger Bildhauer als grosse Zeichner (und malende Denker) wie Morandi und Julius Bissier, Mondrian, Matisse und Ellsworth Kelly.

Dem Schaffen von Jean Mauboulès, der seit 1973 im Kanton Solothurn lebt, waren Einzelausstellungen in bedeutenden Museen des In- und Auslandes gewidmet. Seine Werke waren u.a. im Sprengel Museum Hannover (1982), im Kunstmuseum Bern (1984), im Haus für Konstruktive und Konkrete Kunst Zürich (1988) sowie im Kunstmuseum Solothurn (1986 und 1994) zu sehen. Die jetzige Übersichtsausstellung wird vom Neuen Kunstverein Aschaffenburg übernommen und ist begleitet von einem reich bebilderten Katalog.

Christoph Vögele