Graphisches Kabinett: 5.10.2002 bis 5.1.2003
Variations
Sophie Taeuber-Arp: Arbeiten auf Papier
Composition à cercles et rectangles, 1932
Aquarell, 24 x 33 cm
Dieses Jahr feiert das Kunstmuseum Solothurn seinen 100. Geburtstag. Zu diesem Anlass wurde das bestehende Graphische Kabinett renoviert, vergrössert und dem konservatorischen Standard angepasst. Nach der Präsentation unserer eigenen Graphischen Sammlung wird das Programm der Einzelausstellungen mit Sophie Taeuber-Arp (1889-1943) eröffnet. Bewusst wurde für diesen Neubeginn nicht nur eine der bedeutendsten Figuren der Schweizer Kunstgeschichte ausgewählt, gezeigt wird auch eine Künstlerin, in deren Schaffen Arbeiten auf Papier einen zentralen Platz einnehmen. Zwei meisterhafte Blätter aus den dreissiger Jahren befinden sich zudem in unserer eigenen Sammlung.
In einer weitgehend chronologischen Präsentation werden 132 Exponate aus allen Schaffensphasen ausgestellt. Da sich Sophie Taeuber-Arp in allen Werkperioden, zuweilen sogar ausschliesslich Arbeiten auf Papier gewidmet hat, ist es möglich, die künstlerische Entwicklung lückenlos aufzuzeigen. Damit kann die Ausstellung trotz ihrer klaren Beschränkung auf Gouachen, Aquarelle und Zeichnungen einen retrospektiven Anspruch einlösen und die herausragende Qualität des Schaffens, die Bedeutung der Künstlerin als Pionierin der Moderne dokumentieren.

Die erste grosse Werkgruppe widmet sich Taeubers Frühwerk der zehner und zwanziger Jahre, das kurz nach der Begegnung mit Jean Arp im Umkreis der Dadaisten in Zürich entsteht. Die frühesten Aquarelle und Gouachen stammen von 1916/17 und zeigen innerhalb ihrer ornamentalen Musterung und Flächigkeit oftmals noch gegenständliche Bezüge, abstrahierte Dinge, Menschen oder Tiere. Die leuchtend bunte Palette erinnert an die gleichzeitig entstehenden gewobenen oder gestickten Werke, mit denen sich die Künstlerin als Lehrerin für textiles Gestalten an der Kunstgewerbeschule Zürich (1916-29) jahrelang beschäftigt hat. Schon in den Zürcher Dada-Jahren (1916-20) finden sich jedoch ganz ungegenständliche Werke, die mit ihren nüchternen Titeln das Abrücken von traditioneller Abbildung unterstreichen.
Die konsequente Verdichtung, die von Anbeginn an auch geometrische Muster und eine reduzierte Palette zulässt, findet in der konstruktivistischen Ausgestaltung des 1928 eröffneten Strassburger Kultur- und Vergnügungszentrums „Aubette“ einen ersten Höhepunkt.

Die in den dreissiger Jahren geschaffenen Blätter gehen von der für die „Aubette“ gefundenen Einfachheit geometrischer Kompositionen aus: Kreis, Rechteck und Dreieck werden in immer neuen Kombinationen, Farben und Grössen spielerisch aufeinander bezogen. Im Zentrum stehen Fragen des Gleichgewichts, der Statik oder Dynamik. Zu dem in den dreissiger Jahren in Meudon bei Paris entstandenen Hauptwerk gehören auch die beiden Gouachen der Solothurner Sammlung von 1932 und 1933, die Kompositionen mit Rechtecken und Kreisen zeigen, sowohl in einer farbigen wie einer strengen schwarz-weissen Fassung. Dabei wird offensichtlich, wie sehr das bildnerische Schaffen von musikalischen Notaten und Rhythmen geprägt ist; Sophie Taeuber ist an den Zürcher Dada-Soiréen bekanntlich auch als Tänzerin aufgetreten. Zu den Blättern unserer Sammlung werden Variationen derselben Schaffensphase ausgestellt, um daran die breit angelegten bildnerischen Recherchen der Künstlerin ermessen zu können.

Die letzte Schaffensphase bis zum Unfalltod der Künstlerin, Anfang 1943, ist bestimmt von Krieg, Flucht und materieller Not. In diesen letzten Jahren, die das Paar an verschiedenen Orten in Frankreich und schliesslich erneut in Zürich verbringt, entstehen fast ausschliesslich Werke auf Papier. Im Zentrum steht die Linie zwischen organischer resp. konstruktiver Ordnung und Auflösung. Die Gegenpole von Chaos und Harmonie reflektieren die äussere und innere Wirklichkeit der damaligen Kriegsjahre, das unstete Flüchtlings-Leben und die Hoffnung auf eine neue sichere Heimat. Die bereits in den späten dreissiger Jahren einsetzenden Linienzeichnungen werden konsequent weiterentwickelt. Dabei gewinnen durch die Überlagerung mehrerer Strichlagen räumliche Fragen, die bereits mit den Reliefs der dreissiger Jahre gestellt wurden, an Bedeutung. Neben diesen komplexen Kompositionen finden sich aber auch Bleistift-, Farbstift- und Tuschezeichnungen von grösster Schlichtheit und berührender Schönheit.

Zum ersten Mal werden Sophie Taeubers Arbeiten auf Papier als Einheit speziell betrachtet und in ihren Zusammenhängen untersucht. Einzelwerke aus den verschiedensten Sammlungen im In- und Ausland wurden zu den ursprünglichen Reihen zusammengetragen. Dabei ist es gelungen, alle bedeutenden Werkgruppen zu repräsentieren. Die Reihen oder Variationen in Taeubers Schaffen zeigen in aller Deutlichkeit das konzeptuelle Denken der Künstlerin. Schon 1970 hat Margit Staber festgellt, dass Taeubers Vorgehensweise der Logik zeitgenössischer Datenverarbeitung gleiche. Nach über dreissig Jahren ist dieser Vergleich schlagender denn je: Taeubers Variationen erinnern an die spielerischen Möglichkeiten, die sich uns mit den Bildprogrammen eines Computers anbieten.

Dank der grosszügigen Hilfe der Stiftung Hans Arp und Sophie Taeuber-Arp e.V., Rolandseck, von der die meisten Leihgaben stammen, und etlichen weiteren, auch privaten LeihgeberInnen, ist es möglich, viele unbekannte, bislang unveröffentlichte Werke zu zeigen.



Das Buch zur Ausstellung:

Variations
Sophie Taeuber-Arp: Arbeiten auf Papier

Texte von Walburga Krupp und Christoph Vögele, mit Künstlerbiografie, Bibliografie, Deutsch/Englisch, Festeinband, 144 Seiten, 85 Farbabbildungen, 39 s/w-Abbildungen
Fr. 49.–



Veranstaltungen:

2. November, 19 Uhr, Stadttheater Solothurn
Un tapis rouge pour Sophie T. Ein Stück Theater und Tanz wegen Sophie Taeuber-Arp
Fasson-Theater, Inszenierung: Nelly Bütikofer
Vorverkauf: Stadttheater Solothurn

10. November , 11 Uhr, Kunstmuseum Solothurn
Öffentliche Führung in der Ausstellung
Freier Eintritt

28. November, 19 Uhr, Kunstmuseum Solothurn
Tanz-Performance mit Ensemble-Mitgliedern des Fasson-Theaters vor den Werken von Sophie Taeuber-Arp
Eintritt: Fr. 10.– (Abendkasse)

8. Dezember, 11 Uhr, Kunstmuseum Solothurn
Öffentliche Führung in der Ausstellung
Freier Eintritt

11. Dezember, 19.30 Uhr, Kunstmuseum Solothurn
„Du warst Licht und Stille“
Gian Töndury liest Texte über Sophie Taeuber-Arp
Freier Eintritt