| 26. April bis 6. Juli 2003 Graphisches Kabinett Daniela Keiser und Peter Stamm |
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| Daniela Keiser, aus: Berg II. 2002/03, 3-teilig, C-Print, je 33,6 x 44,2 cm, Courtesy Galerie Stampa, Basel | ||||||
| Aus Anlass der 25. Solothurner Literaturtage (29.5. 1.6.2003) zeigt das Kunstmuseum Solothurn eine von der Künstlerin Daniela Keiser (* 1963) und dem Schriftsteller Peter Stamm (* 1963) gemeinsam erarbeitete Ausstellung. Dabei handelt es sich um die vierte Folge der im März 2002 von der Schweizer Kunstzeitschrift Kunst-Bulletin und dem Literaturhaus Zürich lancierten Reihe Paarläufe, in der Kunst und Literatur miteinander in Bezug gesetzt werden. Daniela Keiser, deren Schaffen u.a. 1999 im Museum für Gegenwartskunst Basel vorgestellt wurde, erleuchtet die Säle mit 12 raumgreifenden Diaprojektionen. Für ihre vielteilige Installation nutzt sie die verschiedenen Saaldurchblicke. Zum Blickfang werden dabei fotografische Bilder von Gesellschaftshäusern Tempeln, Kirchen oder anderen sakralen Stätten , die nicht nur die Menschen zusammenbringen, sondern den Landschaftsraum zugleich strukturieren, ihm durch klare Verortungen Sinn geben. Davon unterscheiden sich Projektionen von freien wüstenhaften Landschaften, die sich orientierungslos öffnen. Die darin gezeigten Menschen wenden sich ab; sie scheinen Ausschau zu halten. Was sie sehen oder wonach sie suchen, bleibt jedoch unbekannt. Bei den Lichtbildern sakraler Bauten handelt es sich um Fundstücke aus einem von der Künstlerin übernommenen, ursprünglich zu Lehrzwecken angelegten Dia-Archiv, bei den übrigen Projektionen um Landschaften, die sie während einer Türkei-Reise selbst aufgenommen hat. Trotz der sichtbaren Dialektik von Offenheit und Zentriertheit evoziert die ganze Installation ein durchgehendes Gefühl der Fremdheit: Ortlos wirken die Landschaften, namenlos bleiben die Stätten. Der Schriftsteller Peter Stamm, der vor dem Erscheinen seiner vielbeachteten Bücher Agnes (1998), Blitzeis (1999) und Ungefähre Landschaft (2001) auch als Hörspielautor arbeitete, verbindet die Räume mit einer akustischen Installation. Bei den O-Tönen, die aus mehreren Lautsprechern die Säle beschallen, handelt es sich u.a. um Ansagetexte auf Anrufbeantwortern, um Hintergrund- und Meditationsmusik sowie um Auszüge aus Sprachlehrgängen. Wie in Daniela Keisers Bildwelt scheint eine bewusste Dialektik angelegt: Gelenktes, unpersönliches Sprechen begegnet dem spontanen Äussern von Gefühlen, das mit einem einzigen, doch sehr markanten Beispiel (siehe O-Ton auf der Rückseite) vertreten ist. Auch bei den musikalischen Teilen reicht der Bogen weit: von technisch-seriellen bis hin zu romantisch wohlklingenden Stücken. Die Spannung zwischen den unterschiedlichen Klangwelten, die sich nicht nur abwechseln, sondern zuweilen auch vermischen, verstärkt die in Daniela Keisers Bildwelt erzeugte Atmosphäre der Haltlosigkeit. Das Moment des Suchens (und der Sehnsucht) ist für die gemeinsame Bild- und Klangwelt bestimmend. In mancher Hinsicht erinnern die Wanderer in Keisers Wüsten an die ziellos wirkenden Bewegungen mancher Tonbeispiele, an das sinn- und endlose Abspulen von Übungssätzen, deren Fragen (Wohin gehst Du? Wo wohnst Du?) ebenso lapidar wie existentiell aufgefasst werden können. Bei den Diskussionen für ihr gemeinsames Projekt haben sich Daniela Keiser und Peter Stamm auf das Buch Das Heilige und das Profane des Religionstheoretikers Mircea Eliade bezogen, der religiöse und profane Gesellschaften aufgrund ihrer spezifischen Zeit- und Raumvorstellungen charakterisiert. Daniela Keiser und Peter Stamm beschäftigen sich unabhängig voneinander seit vielen Jahren mit ähnlichen Themen und gehen von vergleichbaren Haltungen aus. In ihren ebenso klaren wie berührenden Werken ist die (Zeit-) Reise, das stete Unterwegs-Sein, ein Leitmotiv. Peter Stamms Toninstallation setzt sich aus folgenden Quellen zusammen: Sprach-Teile: deutsch rapid, Cassettenkurs Deutsch-Englisch, Verlag für Deutsch, Ismaning/München, 1995 Lernziel Deutsch, Deutsch als Fremdsprache, Max Hueber Verlag, München, 1983 Breakthrough German, Pan Books Ltd, 1982 Deutsch 2000, Max Hueber, München, 1978 L'allemand en 90 lecons, Le Livre de Poche, 1970 Langue et Civilisation Francaises, par Gaston Mauger, Hachette, Paris, 1971 Musik-Teile: Kluster Klopfzeichen, Aufn. 21.12.1970, © 1980, Päd. Verlag Schwann GmbH, Düsseldorf Charles Dodge, Earth's Magnetic Field, Nonesuch Records, New York, 1962 Michael Nyman, String Quartet No. 2 Arvo Pärt, Pari Intervallo, from New Music Masters, ARNR 0496 Michael Vetter, Ancient Voices, ARNR 0192 Matteo Silva, Ad Infinitum, ARNR 0191 Ein zentraler O-Ton stammt zudem von einem auf dem Internet kursierenden MP3-File, auf dem ein Leipziger Rentner zu hören war, der den Südwest Rundfunk angerufen hatte, um sich zu beschweren: "Bitte! Könnten sie bei der Grussendung früh, endlich mal, ich habe schon mehrfach angerufen bei ihrer Redaktion, veranlassen, bei den Grüssen, dass es in Leipzig keinen Röschenhof gibt sondern einen Rös-chenhof. Keinen Röschenhof. Das Wort Röschenhof existiert im deutschen Sprachgebrauch in keinem Duden. Rös-chenhof heisst das! Rös-chenhof! Das Altersheim heisst Rös-chenhof! Rös-chenhof, Rös-chchenhof! Es ist zum Verzweifeln!" Peter Stamm schreibt dazu: Man hört die Verzweiflung in der Stimme des Mannes. Dabei scheint er nicht nur frustriert zu sein, weil der Name seines Altersheims falsch ausgesprochen worden ist, sondern und vielleicht vor allem weil er sich irgendwo im Telefonsystem des Radiosenders verirrt hat weit weg von zu Hause und bewaffnet nur mit seiner Stimme und seine Klage nicht einem verständnisvollen Redakteur mitteilen kann sondern nur einer Maschine, die ihm nach der voreingestellten Zeitlimite gnadenlos das Wort abschneidet. Christoph Vögele In der Juni-Nummer des Kunst-Bulletins erscheint ein umfassender Bericht zum Solothurner Paarläufe-Projekt. Veranstaltungen: Mittwoch, 7. Mai, 19.30 Uhr: Peter Stamm liest aus neuen Texten Sonntag, 1. Juni, 11.00 Uhr: Sonderveranstaltung mit Daniela Keiser und Peter Stamm anlässlich der 25. Solothurner Literaturtage Sonntag, 22. Juni, 11.00 Uhr: Öffentliche Führung in der Ausstellung |
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