| 14. Juni 24. August 2003 Farbe zulassen? Jean Pfaff: Malerei 1988-2003 |
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| Kunstmuseum Solothurn, 2003 | ||||||
| Der 1945 in Basel geborene, heute in Katalonien lebende Maler Jean Pfaff gehört zu den bedeutendsten Vertretern der ungegenständlichen Malerei in der Schweiz. Im Verlaufe seines Schaffens, das in unserer Übersichtsausstellung anhand einer Zeitspanne von rund 15 Jahren ausgebreitet wird, setzt er sich immer neu mit den wechselnden Wirkungen von Farbe, Farbauftrag und Farbträger auseinander. Am Vergleich der verschiedenen Werkphasen wird die Vielfalt von Ausdrucksmöglichkeiten ersichtlich, die sich im scheinbar engen Rahmen monochromer Malerei anbieten. Dabei fällt jedoch auf, dass sich Jean Pfaff zunehmend von der strengen Monochromie abwendet, um sich sukzessiv für eine subtile Polychromie zu öffnen. Diese Wendung ergibt sich auch aus dem allgemeinen Werdegang des Künstlers: 1965-1968 studierte Jean Pfaff an den Akademien von München und Hamburg, u.a. bei Max Bill. In seinem Frühwerk ging er von farbtheoretischen Überlegungen aus, die er in komplexe, dem Konstruktivismus verpflichtete Bilder umsetzte. Mit der Zeit wurde die Farbe wichtiger als die Komposition, und gleichzeitig reduzierte sich die Buntheit der Bilder. Diese schrittweise Entwicklung führte schliesslich zu einer reinen, die gesamte Bildfläche erfassenden Monochromie. Die erste monochrome Schaffensphase, die Ende der achtziger Jahre einsetzt, ist bestimmt von der Beschäftigung mit räumlichen Wirkungen des Farbauftrages. Während zum einen die Illusion wolkig tiefer Räume erzeugt wird, ist zum andern die reine Materialität der Farbe betont. Damit werden in wechselnder Gewichtung die im englischen Sprachgebrauch getrennten Aspekte der Farbe, colour resp. paint, hervorgehoben. Die zwischen 1989 und 1993 geschaffenen monochromen Malereien gehören zu den radikalsten Werken in Jean Pfaffs Schaffen: Auf handgeschöpfte La Franca-Papiere legt er eine glänzende Schicht von Industriefarbe. Neben der ungemeinen Material-Präsenz der Farbe fällt das starke Korn des Büttenpapiers auf. Gerade durch die dezidierte Betonung der Oberfläche können Farbe und Papier dinghaft wahrgenommen werden. Nach diesem Nullpunkt musste zwingend eine Neuorientierung folgen. War Pfaffs Schaffen bisher von kompositionellen Entscheidungen, einem willentlichen Akt des Farbauftrags geprägt, schliesst er fortan den Zufall ein und lässt zugleich auch die Polychromie wieder zu. In seinen Bildern von 1995 bis 1999 spritzt er die Farbe mit lockerem Pinsel auf die Leinwand; die Farbspuren verdichten sich zu teppichartigen Gespinsten. Innerhalb eines bestimmten Grundtones treten unterschiedliche Farben auf. Das Prinzip der Polychromie in der Monochromie bleibt auch in den folgenden Jahren bestimmend, etwa im berückend schönen Ogura-Zyklus (Öffentliche Kunstsammlung Basel, Kupferstichkabinett) von 1995. Dabei handelt es sich um Steindruck-Unikate, für die der Künstler bis zu neun Farbschichten auf Japan-Papiere gedruckt hat, um eine ungemein leichte, schwebende Farbigkeit zu erzeugen. Die zu Blöcken verbundenen Blätter evozieren wie selten zuvor landschaftliche Impressionen. Die feinen Lasuren ermöglichen eine Leuchtkraft, die natürlichen Lichtwirkungen gleichkommt. Die tonale Malerei, ein malendes Drucken eigentlich, schafft Stimmungen und Farbklänge, die unvermutet an Musik erinnern. Die Zuwendung zur Natur und ihren farbigen Erscheinungen findet sich auch in Jean Pfaffs anschliessenden Serien, im Iran-Zeichnungszyklus von 1998 und dem Jaipur-Steindruckzyklus von 2001: Auch hier gelingt es ihm, die natürliche Welt ohne Abbildung zu evozieren. Die Vegetation des Irans setzt er mit bunten Kreidezeichnungen um. Die weissen Papierbogen, auf die er in ornamentaler Wiederholung und absichtsloser écriture automatique seine farbigen Zeichen und Knäuel setzt, suggerieren den kargen Boden der Steppe, ihren spärlichen Bewuchs. Aus Indien dann hat der Künstler handgeschöpfte, mit Gräsern und Blüten durchsetzte Papiere heimgebracht, auf die er im Steindruck-Verfahren verschiedene Farbschichten über- und nebeneinanderlegt. Das Miteinander von natürlichen Partikeln (des Papiers) und ungegenständlicher Komposition (des Farbauftrags) schafft zufällige Landschaften. Der Zufall bestimmt auch Jean Pfaffs neuere Malereien auf Holz. Sucht er schon seit langer Zeit einen automatischen Farbauftrag, um den Zwang des Agierens durch die Freiheit des Reagierens zu ersetzen, kehrt er seit wenigen Jahren den Malprozess nun sogar um: Er trägt nicht mehr Farbe auf, sondern nimmt sie weg. Nachdem die Farbe auf der glatten Schicht des Holzes zufällig und reichlich verteilt ist, entfernt er mit Pergaminpapier den Auftrag so lange, bis die Oberfläche ihre optimale Wirkung erreicht hat. Die prozesshafte Differenzierung der Farbtöne hat in den letzten Jahren zu einer zunehmenden Vergrauung der Palette geführt, die den Ausstellungstitel Farbe zulassen? motiviert hat. Nach der kürzlichen, zweiten Indienreise ist diese Entwicklung jedoch gestoppt, ja umgekehrt worden. Seine Kerala-Bilder (2003) zeigen erneut eine offene, strahlende Farbigkeit: Farbe zulassen!, heisst die unmissverständliche Antwort der neuesten Werke. Die Ausstellung mit rund 80-100 Werken erstreckt sich über alle sieben Parterre-Säle und umfasst die verschiedensten Techniken, Materialien und Träger. Jean Pfaff, der zugleich als einer der gefragtesten Künstler für Kunst am Bau-Projekte gilt, hat die Ausstellung mit grossem Gespür für räumliche Wirkungen eingerichtet. Dabei hat er bewusst auf eine strenge Chronologie verzichtet, um stattdessen einen sinnlichen und spannungsvollen Rundgang anzulegen, der das Publikum den Wechsel der Farbigkeit zugleich als Wechsel von Licht und Stimmung erleben lässt. Christoph Vögele Zur Ausstellung erscheint im Verlag Schwabe Basel ein reich bebildertes Buch mit Texten von Werner Lutz, Sibylle Omlin, Jean Pfaff und Christoph Vögele. |
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