5. Juni bis 8. August 2004
Adrian Schiess. Aquarelle
Der Zürcher Maler Adrian Schiess (*1959) gehört zu den bedeutendsten zeitgenössischen Künstlern unseres Landes: 1990 war er an der Biennale in Venedig, 1992 an der Documenta in Kassel vertreten. Bedeutende Museen im In- und Ausland widmeten ihm ab 1990 grosse Einzelausstellungen. Im Kunstmuseum Solothurn, wo er 1998 an der Ausstellung Die Schärfe der Unschärfe beteiligt war, präsentiert er nun die erste zusammenfassende Ausstellung seiner Aquarelle.
Adrian Schiess hat in fast allen Schaffensphasen und in unterschiedlichster Form aquarelliert. Die Exponate decken einen Zeitraum von zwanzig Jahren ab: Von den rund 30 in Vitrinen ausgestellten Aquarellbüchern (1984-1989) reicht der Bogen über die Aquarell-„Fetzen“ der späten achtziger und der neunziger Jahre bis hin zur Serie der aquarellierten Fensterausblicke, die als kleinformatige Blätter seit 1998 das Schaffen durchziehen. Der Ausstellung liegt eine riesige Zahl von Arbeiten auf verschiedensten Papieren, in unterschiedlichsten Grössen, Formaten und Farben zugrunde. Um diese überquellende Fülle sichtbar zu machen, verteilt Adrian Schiess seine Aquarelle nicht nur über eine Vielzahl von Vitrinen, er zeigt sie auch in Rahmen oder klebt sie direkt auf die Wände.

Im ersten Saal sind neben den Aquarellbüchern auch die frühen „Fetzen“ verteilt. Aus grossen Bögen hat Schiess kleinere Blätter gerissen, deren Formen im Verlaufe der Zeit immer bizarrere Umrisse annehmen. Bewusst bezieht der Künstler nicht nur den Zufall, sondern auch die Zeit in sein Schaffen ein. Prozesshaft werden seine Blätter über längere Zeitperioden bemalt, weggelegt und abermals bearbeitet. Während sich auf den ersten Aquarellen noch klare Setzungen finden, die zuweilen an Blumen oder Muster erinnern, sind die Werke der frühen neunziger Jahre dichter und gestischer bemalt. Sowohl die Pinselschrift wie die Reissformen zeigen eine auffallende Heftigkeit. Die starke Farbigkeit wird durch die breiten, leuchtend weissen Reissspuren, die die Arbeiten zuweilen zentimeterdick umfassen, noch intensiviert.
Den zweiten Saal bestimmen die „Fetzen“ auf Japanpapier. Adrian Schiess klebt sie direkt auf die Wände, sodass seine Malereien gleichsam zu Fresken, zu barocken Illusionen werden, die uns in eine wunderbar bunte Zauberwelt schauen lassen – als wären die unregelmässigen „Fetzen“ Bruchstellen in einer Mauer. Die Japanpapiere und ihre besondere Präsentation heben in zweifacher Weise Grenzen auf: Nicht nur Farbe und Papier, sondern auch Papier und Wand sind so dicht miteinander verbunden, dass alles Mittelbare und Materielle wegzufallen scheint.
Im dritten Saal werden schliesslich in doppelter Reihung die kleinformatigen Fensterausblicke der letzten Jahre präsentiert. Ihre additive Hängung erinnert an die kontinuierliche Entstehung. Schiess malt seine Landschafts-Aquarelle fast täglich, auch auf Reisen. Evoziert werden in grösster Verdichtung und Präzision die Farben und Stimmungen des jeweiligen Tages und Ortes. Der Naturbezug, der für den Maler immer wichtig war, wird hier am offensichtlichsten. Die „radikale“ Malerei, für die Schiess berühmt geworden ist, scheint bei diesen neuesten Blättern mit ihren traditionellen Motiven und der vermeintlichen Nähe zu bürgerlicher Schönmalerei, gänzlich verschwunden. Gerade darin aber zeigt sich eine andere Form der Radikalität, bricht Adrian Schiess doch mit seinem offenen Bekenntnis für die Schönheit und Sinnlichkeit der Malerei ein eigentliches Tabu der zeitgenössischen Kunst.


Christoph Vögele




Zur Ausstellung erscheint im Kehrer-Verlag Heidelberg ein reich illustriertes Katalogbuch (Fr. 39.–) sowie eine Edition (Auflage 20, mit einem Original-Aquarell, Fr. 500.–)