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16. Oktober 2004 bis 2. Januar 2005
Graphisches Kabinett Von Menschen und Tieren Figürliche Darstellungen aus der Graphischen Sammlung |
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| Nach der Erweiterung des Graphischen Kabinetts, 2002, wird mit der Ausstellung Von Menschen und Tieren die dritte Accrochage aus unserer Graphischen Sammlung präsentiert. Gezeigt werden figürliche Darstellungen aus verschiedenen Jahrhunderten. Der Gang durch die Epochen macht die unterschiedlichen Aufgaben der Figuration sichtbar: Finden wir den Menschen vorerst als Rollenträger, als biblische Gestalt, als Soldat, Bürger oder Bauer, darf er auf späteren Werken ganz Individuum sein. In der Kunst des 20. Jahrhunderts dient die Figur dann vor allem der existentiellen Befragung. Die jüngsten figürlichen Darstellungen reflektieren ein ebenso kritisches wie kühles Menschenbild. Zentral ist die Diskussion der Glaubwürdigkeit, sowohl von Menschen wie Bildern. Die Ausstellung umfasst über 100 Werke von rund 30 Kunstschaffenden. Treppenabgang rechts Das mit Abstand früheste Blatt stammt von Urs Graf (um 1485-1528), dem in Solothurn geborenen Goldschmied und Reisläufer, der zu den bedeutendsten Zeichnern seiner Zeit zählt. Die kolo-rierte Federzeichnung von 1509 zierte einst als Titelblatt das Protokollbuch der hiesigen Schmiedenzunft, der Graf selbst angehörte. Dargestellt ist das Zunftwappen auf Banner wie Schild, umgeben von zwei seltsamen Figuren, halb glaubhaftes Abbild, halb fantastische Eingebung. Rechter Saal Die anschliessenden Blätter datieren vor allem aus dem 18. und 19. Jahrhundert und repräsentieren v.a. die klassischen Gattungen der Porträt- und der Historienkunst. Entsprechende Beispiele zeigen sich vor allem bei Laurent Louis Midart (1733-1800), der 1772 nach Solothurn kam und sein Auskommen u.a. im Vertreiben einer umfangreichen Serie von Stichen zur Schweizer Schlachten-Geschichte fand. Obwohl er die Soldaten und Formationen nach den überlieferten Berichten detailgetreu wiedergibt, erfüllt sich der Kunstanspruch in einem klaren Hang zur Stilisierung. Midart hat zudem die grossen Ereignisse der Solothurner Stadtgeschichte aufgezeichnet. Dazu gehörte etwa das 1777 erneuerte Gelübde auf das Bündnis zwischen Frankreich und den eidgenössischen Orten in der eben erst erbauten St. Ursen-Kirche. Die zwei ungewöhnlich grossen Federzeichnungen, nach denen später auch Radierungen entstanden sind, halten das Ereignis sowohl von draussen wie drinnen fest. Die einzelnen Personen sind darauf so präzis erfasst, dass es sich dabei um eine Vielzahl kleiner Porträts handelt, die von den damaligen Betrachtern wohl leicht identifiziert werden konnten. Mit der wachsenden Nachfrage für Stiche waren talentierte Zeichner gefragt. In der Kunst des 19. Jahrhunderts nimmt das Zeichnen ob in Stichen oder Originalzeichnungen einen bedeutenden Platz ein. Meisterhafte Beispiele schafft etwa der Porträtist Johann Friedrich Dietler (1804-1874), der in seinen Handzeichnungen des frühen Biedermeier die handwerkliche Präzision mit einer nahezu psychologischen Durchdringung der Auftraggeber verbindet. Das Erfassen, ja Herausstreichen der menschlichen, allzumenschlichen Seite ist auch Absicht der Karikatur, der sich u.a. der vielfach begabte Martin Disteli (1802-1844) verschrieb. Mit den Zeichnungen und Aquarellen von Albert Anker (1831-1910), die bis kurz nach 1900 entstanden, enden unsere Bildnisse des 19. Jahrhunderts. Mit Ausnahme der Zeichnung des Solothurner Kaufmanns Franz Anton Zetter, einem Entwurf zum meisterhaften Oelbild in unserer Sammlung, handelt es sich jedoch nicht um eigentliche Porträts, sondern um Genre-Darstellungen typischer Vertreter des Bauernstandes, an denen sich eine städtische Kundschaft erfreute, die das Leben auf dem Lande als pittoreske Welt wahrnahm. Gang Die Zeichnungen von Frank Buchser (1828-1890), Ernst Morgenthaler (1887-1962) und Urs Eggenschwiler (1849-1923) widmen sich vor allem der Begegnung von Mensch und Tier. Eindrucksvoll sind Buchsers Blätter aus Amerika, die während seines fünfjährigen Aufenthalts von 1866-1871 entstanden sind. Dem Sohn eines Pferdehändlers waren Pferd und Reiter vertraute Motive. Interessant ist der Vergleich zwischen Morgenthalers Marokko-Zeichnungen der späten zwanziger Jahre und den rund 50 Jahre früher entstandenen Skizzen von Buchser (Vitrine hinterer Saal) aus derselben Region. Von Urs Eggenschwiler, der sich als Gestalter und Betreiber von zoologischen Gärten in ganz Europa einen Namen schaffte, wird u.a. die Zeichnung eines Löwen gezeigt, der ihm selbst gehörte. Sie trägt den Namen des Tieres und kann als eigentliches Porträt aufgefasst werden. Hinterer Saal Der Mensch und sein Schicksal wird in der Zeit des Existentialismus, der nach dem Zweiten Weltkrieg vor allem von Paris ausgeht, zum Hauptmotiv. Dabei antwortet der notwendigen Aufarbeitung der Kriegsgräuel eine psychologische Erforschung der condition humaine. Ihren tiefsten Ausdruck findet diese in den Figuren von Alberto Giacometti (1901-1966), der mit zwei Zeichnungen der vierziger Jahre vertreten ist. Bemerkenswert ist vor allem die liegende, einer Sphinx gleichende Frau, die in ihrer steinernen Rätselhaftigkeit an die bleierne Zeit nach dem Krieg erinnert. Max Gubler (1898-1973), Hans Obrecht (1908-1991), Rolf Spinnler (1927-2000), Eva Aeppli (*1925) und Schang Hutter (*1934) haben sich in ganz unterschiedlicher Weise mit denselben existentiellen Fragen beschäftigt. Schang Hutter, der ab 1954 in München studierte, hat die damals beginnende Verarbeitung des Holocausts in seinen Skulpturen und Blättern umgesetzt. Gublers Farbkreide-Zeichnungen zu Hemingways Der alte Mann und das Meer zeigen, dass sich die Künstler für ihre Gestaltung von Schicksals-Fragen auch auf entsprechende Motive der damaligen Literatur bezogen. Linker Saal Existentielle Themen gestalten ab den frühen achtziger Jahren auch die Neuen Wilden wieder, zu deren Schweizer Hauptvertretern Martin Disler (1949-1996) gehörte. Einen Höhepunkt in der grossen Werkgruppe zur expressiven Kunst der achtziger Jahre bilden die grossen dunkeltonigen Blätter von Otto Lehmann (*1943). Ihre Gestik ist von besonderer Kraft und entspricht dem alptraumhaften Schrecken, den die Figuren, halb Mensch und halb Tier, verbreiten. Als dialektisches Gegenüber können die Werkgruppen von Markus Raetz (*1941), vor allem aber von Roman Candio (*1935) erlebt werden. Den inneren Visionen der Neuen Wilden begegnet die Waren- und Massenwelt der Pop Art. Während die Aquarelle und Acryl-Blätter eine grosse Bekanntheit erlangten, sind Candios Foto-Collagen selten gezeigt worden. Mit dem Rückgriff auf das Massenprodukt der Illustrierten bezieht er sich direkt auf die von ihm thematisierte Welt von Werbung und Konsum. Die Kühle, die in diesen Arbeiten der sechziger Jahre spürbar wird, treffen wir in den Zeichnungen und Grafiken ab den neunziger Jahren erneut an. Dabei handelt es sich nicht nur um eine Gegenreaktion auf die expressive Subjektivität der Neuen Wilden, sondern zugleich um die Darstellung eines neuen Menschenbildes im Zeitalter der virtuellen Realität. Der Zeichenstil wirkt ausgesprochen spröd, bewusst wird auf alle Virtuosität verzichtet. Im Falle der Porträtserie von Alex Hanimann (*1955) fällt ein dem Durchpausen ähnlicher Stil auf, der im offensichtlichen Reproduzieren den Bezug zu einer Vorlage (statt einem lebendigen Gegenüber) unterstreicht. Der Schluss-Saal wird ergänzt mit der Video-Installation Out of a box (1995) von Ian Anüll (*1948). Sie beweist, dass dank einer nüchternen, von jeglichem Voyeurismus freien Vermittlungsweise auch heute noch Einfühlung und Anteilnahme möglich sind. Der Film zeigt in einem kurzen Loop eine Szene mit zwei kleinen Knaben aus einem Armenviertel in Bangkok. In seltener Weise wird uns gerade am Bild von Obdachlosen ein neues Bild des Menschen gezeigt, dem es an Würde und Verantwortungsgefühl nicht fehlt. Christoph Vögele |
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