27. November 2004 bis 9. Januar 2005

Kunstverein Solothurn
20. Kantonale Jahresausstellung

Jurybericht

Für die 20. Kantonale Jahresausstellung haben sich 197 Kunstschaffende mit 434 Werken beworben. Von diesen hat die Jury 67 Werke und Werkgruppen von insgesamt 46 Künstlerinnen und Künstlern ausgewählt. Die Jury bestand aus Marianne Burki, Kuratorin des Kunsthauses Langenthal, Stefan Banz, Künstler, Kurator und Mitglied der Eidgenössischen Kunstkommission, Luzern, und Christoph Lichtin, Vorstandsmitglied des Kunstvereins Solothurn und Sammlungskonservator des Kunstmuseums Luzern.
Am 16. November haben wir uns von Raum zu Raum und durch mehrere Jurierungsrunden begeben. Am Ende des Tages, als wir zurückgeschaut haben, da haben die Räume schon etwas leer ausgesehen. Was ist geschehen? Die Jury hat sich zwischen zwei Parametern entscheiden müssen. Sollten die zur Verfügung stehenden Räume als Massstab gelten, sollten also so viele Werke ausgewählt werden, bis alle Wände belegt waren? Oder sollte die Jury das Raumangebot vernachlässigen und in erster Linie von künstlerischen Kriterien ausgehen, welche über Aufnahme oder Ablehnung in die Ausstellung entscheiden sollten. Diese Kriterien stellen eine labile Grenze dar, das liegt in der Natur der Sache. Sie bildet sich erst durch das Wirken der Juroren, und sie hat in dieser Form auch nur für einen Tag Gültigkeit. Ein Faktor spielte für unser Vorgehen eine wichtige Rolle: Es schien uns bemerkenswert, dass malerische Positionen, nach den boomenden Jahren der Fotografie und der Videokunst, einen derart grossen Anteil der Eingaben ausmachte. Wir sahen uns deshalb veranlasst, nicht nur Werke für eine attraktive Ausstellung auszuwählen, sondern den höchst unterschiedlichen Haltungen genügend Raum zu verschaffen.
Erfahrungsgemäss begleitet eine Jahresausstellung eine gewisse Polemik, die meistens nicht durch die betroffene Künstlerschaft, sondern durch ihre Vertreter vorgetragen wird. Diesmal könnte sie auch durch die relative Luftigkeit der Präsentation hervorgerufen werden. Wir möchten dem entgegenhalten, dass dieses Jahr das Kunstmuseum Solothurn vielleicht etwas zu gross war, um die solothurnische Kunstszene so zu zeigen, wie wir es in den vergangenen Jahren wohl gewohnt waren und wie es dem Ort und dem Renommee des Veranstalters entspricht.
Bei allen Enttäuschungen, die unsere Jurierung zwangsläufig auslöst, möchten wir auch motivieren und unsere Kriterien, die für die Auswahl relevant waren, anhand einiger Beiträge, die uns speziell gefallen haben, illustrieren. Eine überzeugende Fotoserie hat Samuel Mühleisen geschaffen. Ausgehend von der Tradition der klassischen Reportagefotografie hat er eine Serie von dichten Aufnahmen zusammengestellt. Seine Arbeit besticht durch die Vielschichtigkeit der Bezüge in ihrer Gesamtheit wie durch die kompositorische Dichte der Einzelbilder. Die präzise Auswahl der Momentaufnahmen und Beobachtungen lassen einen melancholischen Klang zwischen Gegenwart und Erinnerung, Nostalgie und Unmittelbarkeit entstehen.
Eigenständig, wagemutig und raffiniert sind die Zeichnungen Raffaella Chiaras. In ihnen sahen wir den geglückten Versuch, die verschiedenen Möglichkeiten des Zeichnens in eine sich reibende und prekäre Konfrontation zu manövrieren. Die Präsentation ist überlegt, liebevoll und adäquat gemacht. Es ist eine zeichnerische Position, die ihresgleichen sucht und eine grössere Beachtung verdient.
Und schliesslich ist René Zäch zu erwähnen, der mit seinem Beitrag innerhalb der Ausstellung, die Ausstellung selbst auf hintergründige Weise kommentiert. Seine Installation ist ein reflektierter Beitrag zur Institution Jahresausstellung und der damit einhergehenden Bilderflut, die in ihrer Grundidee begründet ist, die heisst: kommt und zeigt was ihr macht. Zäch hat eine ganze Truppe von identischen Bildobjekten in die Ausstellung gebracht, die von allen Seiten in die Räume einzudringen, sie zu durchschreiten und nur kurz innezuhalten scheinen, bevor sie wieder verschwinden werden. Ihre Bildfläche ist von den Betrachtern abgewendet. Was gezeigt werden soll ist offenbar sekundär. Sie verfolgen ihre Hauptaufgabe, nämlich Bilder zu bringen. Ein subtiles Statement zu dieser Form der Ausstellung. Wir freuen uns, im Namen des Kunstvereins Solothurn diesem Beitrag den von der Baloise Bank SoBa gestifteten Auszeichnungspreis zuzusprechen.

Christoph Lichtin