26. August bis 5. November 2006
Ganzes Parterre

Les Livres de Vie.
Eva Aeppli und ihre Künstlerfreunde

Jean Tinguely, Yves Klein, Daniel Spoerri, Niki de Saint Phalle, Jean-Pierre Raynaud, Bernhard Luginbühl und andere

Eva Aeppli (* 1925 in Zofingen AG) hat dem Kunstmuseum Solothurn im letzten Jahr ihre Livres de Vie geschenkt, eine einzigartige Sammlung von 15 Bänden, welche die Künstlerin zwischen 1954 und 2002 angelegt hat. Waren die Lebensbücher erstmals an der Eva Aeppli-Retrospektive im Museum Tinguely Basel Anfang dieses Jahres zu sehen, sind sie nun Ausgangspunkt einer umfassenden Ausstellung, die dem Austausch zwischen der Künstlerin und ihren Freuden – Jean Tinguely, Yves Klein, Daniel Spoerri, Niki de Saint Phalle, Jean-Pierre Raynaud, Bernhard Luginbühl u.a. – gewidmet ist. Bei der Solothurner Ausstellung handelt es sich also nicht um eine Übernahme der Basler Retrospektive, sondern um eine Neukonzeption mit meist nur in Solothurn gezeigten Exponaten. Eva Aeppli hat das Kunstmuseum Solothurn nicht von ungefähr mit dem wohl privatesten Werk ihres Schaffens beschenkt: Hier hat ihr 1994 André Kamber (der als Gastkommissär nun auch diese Ausstellung kuratiert hat) eine Retrospektive gewidmet, hier sind aber auch viele ihrer engsten Freunde zu Ausstellungen und Ankäufen gekommen. Über die Jahre hat sich mit ihren Werken für das Kunstmuseum Solothurn ein eigentlicher Sammlungsschwerpunkt ergeben.
Das Prinzip der Lebensbücher, in denen Eva Aeppli Fotos und Briefe, aber auch Originalzeichnungen ihrer Freunde eingeklebt hat, um den freundschaftlichen Austausch über fast 50 Jahre zu dokumentieren, wird gewissermassen in unserer Ausstellung übernommen. So wie sich die Namen und Werke in den Livres de Vie begegnen, so treffen nun die Kunstwerke von Eva Aeppli und ihren Künstlerfreunden aufeinander. Das Nebeneinander bestätigt nicht nur den internationalen Rang, den fast alle ihrer Freundinnen und Freunde erlangt haben, sondern zugleich die Eigenständigkeit der weitgehend abseits stehenden Eva Aeppli. Auch in den Lebensbüchern überraschen die Unterschiede zwischen ihrer dunklen, leidvollen Bildwelt und den zumeist heiteren und verspielten Zusendungen ihrer Freunde.

Die Ausstellung vereint 111 Werke von 12 Kunstschaffenden. Der Schwerpunkt liegt auf Arbeiten der 50er und 60er Jahre. Damals war nicht nur der Austausch unter den Freunden am engsten (Eva Aeppli und Jean Tinguely waren von 1951-61 miteinander verheiratet), zugleich entstanden die bahnbrechenden Werke, mit denen sich die Künstler einen internationalen Namen schufen. In der Ausstellung findet sich denn auch eine Vielzahl bedeutender Frühwerke, die nichts von ihrer Frische und Kühnheit verloren haben: Tinguelys meta-mechanische Reliefs von 1954/55, Spoerris erste Fallenbilder von 1960/61, Yves Kleins frühe monochrome Bilder. Eva Aepplis Künstlerfreundschaften manifestieren sich nicht nur in ihren Livres de Vie, sondern auch in den Collaborations mit Raynaud, Spoerri und Tinguely. Darin begegnen sich die typischen Ausdrucksweisen der wechselnden Partner in eindrucksvollen Gemeinschaftswerken.
Die Ausstellung Les Livres de Vie. Eva Aeppli und ihre Künstlerfreunde zeigt den ungemeinen Reichtum und die kreative Vielfalt, die in einem Freundeskreis zusammen kommen können. Hier ist dieser aber nicht wie bei einer herkömmlichen Künstlergruppe durch einen gemeinsamen Stil geprägt. Was die Freunde verbindet, ist die Radikalität des Ausdrucks, mit dem sie in ihren individuellen Weisen mit der Tradition brachen und damit zur Pariser Avantgarde gehörten. So vermittelt die Ausstellung denn auch viel vom Aufbruchgeist und der Erneuerung nach dem Zweiten Krieg. Neben Aepplis intensiver Verarbeitung kriegsbedingter Traumata steht der witzig-ironische Wagemut, mit dem ihre Freunde mit rebellischem Selbstverständnis gegen die damaligen Konventionen angingen.

Christoph Vögele





Zur Ausstellung ist ein Textheft erschienen. (Fr. 5.–) – Gemeinsam mit dem Museum Tinguely Basel wurde das Buch Eva Aeppli. Les Livres de Vie herausgegeben (Kehrer-Verlag Heidelberg, Fr. 48.–). Das Textheft kann dem Buch eingelegt werden. (Zusammen Fr. 50.–)