21. Juni bis 17. August 2008

Franticek Klossner / Victorine Müller
Victorine Müller timeline, 2005 PVC, 160 x 600 x 370 cm
Foto: David Aebi

Franticek Klossner Portraitbüste Katharina und Tom, 2008
Fotografie, 100 x 132 cm

Die Künstlerfreunde Franticek Klossner (*1960) und Victorine Müller (*1961) beschäftigen sich in ihren Werken mit existentiellen Fragen. Beide kommen aus dem Bereich der Performance, wo der Einsatz des eigenen Körpers zentral ist. Während Victorine Müller immer noch als Performerin arbeitet und sich mit ihren eindrucksvollen Auftritten einen internationalen Namen geschaffen hat, konzentriert sich Franticek Klossner heute vor allem auf die Bereiche Skulptur, (Video-)Installation, Zeichnung und Fotografie. Auch Victorine Müller hat sich in den letzten Jahren vermehrt der Skulptur zugewendet. Ihre grossen, transparenten Figuren, in denen sie früher oft aufgetreten ist, sind zusehends zu eigenständigen Skulpturen geworden. Seit einigen Jahren entstehen zudem traumhaft-surreale Zeichnungen, die dem märchenhaft-poetischen Charakter ihrer Performances entsprechen. Sowohl Klossner wie Müller sind durch frühere Aktivitäten mit Solothurn verbunden: Franticek Klossner hat für die Ausstellung Tapetenwechsel. Zeitgenössische Wandmalerei und Wandzeichnung (2002) die interaktive Video-Installation Appell und Rapport entwickelt; Victorine Müller zeigte in den Jahren 2000 und 2005 Performances. Nun sind ihre Werke in einer Doppelausstellung, die über alle sieben Säle des Parterres verläuft, miteinander verbunden. Zwar sind die beiden Parterre-Flügel den Kunstschaffenden weitgehend einzeln zugeordnet; in den beiden Nordsälen kommt es jedoch zu punktuellen Begegnungen.

Die Ausstellung beginnt im Westflügel mit der grossen Video-Installation Brot von Franticek Klossner. Der erste grosse Saal und seine spezifische Atmosphäre werden für eine Abendmahls-Szene genutzt. In der Längsachse des Saales erstreckt sich ein langer Tisch, auf dem Brote liegen. An den gegenüberliegenden Wänden zeichnen sich Projektionen mit zwölf Männern zur einen, zwölf Frauen zur andern Seite ab. Suggeriert wird ein Geschlechterkampf: Während auf der einen Seite die Männer gierig, aber lustlos ihre trockenen Brote verschlingen, verwenden die Frauen auf der anderen Seite ihre gefüllten Weingläser nicht zum Stillen ihres Durstes und ihrer Gelüste, sondern zum Erzeugen sirenengleicher Töne.

In den anschliessenden Sälen zeigt Klossner neue Fotoserien und Zeichnungen sowie eine Installation mit Scherenschnitten. Im Zentrum steht immer der Mensch, mit Witz und mit Anteilnahme betrachtet, als Privatperson oder als Teil der gesellschaftlich-politischen Realität. Bemerkenswert sind die grossformatigen Fotografien, seine Portraitbüsten, die motivisch an die bekannten Eisbüsten anschliessen: Aus vielen Einzelbildern der porträtierten Menschen komprimiert der Künstler riesige Silhouetten. Das scheinbar statische Gesamtbild löst sich in seine Einzelteile auf – wie einst die schmelzenden Köpfe.

Klossners Zeichnungen und Fotoserien leiten über zu den Farbstiftzeichnungen von Victorine Müller. Thematisiert Klossner unter anderem das Triebhafte im Menschen, kann in Müllers feinen Fabelwesen das Menschliche im Tier entdeckt werden. Wie ihre transparenten, im Licht der Scheinwerfer schillernden Kunststoff-Figuren faszinieren auch die Zeichnungen durch ihre Leichtigkeit und ihr Leuchten. Ihre Geschöpfe scheinen weniger der Erde als der Luft oder dem Wasser verbunden. Und so verwundert es nicht, dass im anschliessenden Quersaal eine sieben Meter lange PVC-Skulptur durch den Raum gleitet: ein riesiger Tintenfisch, dessen Gestalt an ein männliches Glied erinnert. Im Innern ist, als transparente Form im transparenten Tierkörper, eine Frauenfigur zu entdecken. Sehnsüchte und Fantasien ziehen sich leitmotivisch durch Victorine Müllers Schaffen. Der letzte grosse Saal wird von zwei im Raume hängenden Plexiglas-Konstruktionen bestimmt, auf denen seltsame Figuren lagern. Geburt, Wachstum und Metamorphose werden darin als Themen fassbar. Der Eindruck des steten Wandels wird verstärkt durch die fliessenden organischen Formen und die Bedeutung des Lichtes. Die Besucher fühlen sich im spannungsvollen Hell-Dunkel des Raumes in eine magische Welt versetzt, durch die sie mit staunenden Augen streifen können.

Sowohl bei Klossner wie bei Müller spielt das Licht in seiner suggestiven Wirkung eine zentrale Rolle. Gleichwohl bleibt es nie beim Ästhetischen von Schein und Farbe. Mit ihren Werken finden sie zeitgemässe Darstellungen des Menschen. Seine Gefährdung, aber auch sein Hang zu Sinnlichkeit, Traum und Spiritualität sind bei beiden Kunstschaffenden thematisiert.


Christoph Vögele




Zur Ausstellung erscheinen im Verlag für moderne Kunst, Nürnberg zwei den beiden Kunstschaffenden einzeln gewidmete Kataloge.




Öffentliche Führung:
Sonntag, 29. Juni, 11 Uhr, in Anwesenheit von Victorine Müller und Franticek Klossner

Spezialveranstaltung:
Sonntag, 29. Juni, 17.15 Uhr
Performance-Abend mit Eva Marianne Berger, Domenico Billari, Fabian Chiquet & Elia Rediger, Noëlle-Anne Darbellay, Andreas & Christian Egli, Marinka Limat & Philippe Wicht.

Donnerstag, 14. August, 21.15 Uhr
Performance mit Victorine Müller im Rahmen des Museumsfestes