17. Januar bis 13. April 2009
Parterre West und Graphisches Kabinett


Bewegter Stillstand

Skulpturen und Bildhauerzeichnungen
aus der zeitgenössischen Sammlung
des Kunstmuseums Solothurn

Mit Werken von Heinz Brand, Reto Emch, Gunter Frentzel, Rolf Graf, Jürg Hugentobler, Daniela Keiser, San Keller, Isabelle Krieg, Bernhard Luginbühl, Željka Marušić/Andreas Helbling, Jean Mauboulès, Robert Müller, Victorine Müller, Markus Raetz, Dieter Roth, Roman Signer, Anselm Stalder, Hugo Suter, Jean Tinguely, Oscar Wiggli und Werner Witschi


Das Kunstmuseum Solothurn engagiert sich seit Jahrzehnten für die Vermittlung und den Erwerb von Skulpturen, Objekten und Installationen. Ausgehend von der Schweizer Eisenplastik, die mit Hauptwerken von Robert Müller, Oscar Wiggli, Jean Tinguely und Bernhard Luginbühl in der Solothurner Sammlung prominent vertreten ist, sind auch im vergangenen Jahrzehnt mit Bedacht dreidimensionale Arbeiten von jüngeren Künstlerinnen und Künstlern angekauft worden. Als Verbindungsglied zwischen den Generationen kann  Roman Signer dienen, von dem das Kunstmuseum Solothurn nicht nur den beliebten Stiefel (2004) im Museumspark besitzt, sondern auch eine Sammlung von Installationen, Objekten, Zeichnungen und Fotos.
Signer hat wie Tinguely die herkömmliche Statik der Skulptur hinterfragt. Die Bewegung, real oder suggeriert, gehört zu den Merkmalen vieler moderner und zeitgenössischer Skulpturen. Dabei begegnen sich Statik und Dynamik oft in paradoxer Weise. Von dieser Beobachtung geht auch der Ausstellungstitel Bewegter Stillstand aus. Dieser ist zwar in Anlehnung an den Buchtitel Rasender Stillstand (1992) von Paul Virilio gefunden worden, doch steht er im Unterschied zur pessimistischen Weltsicht des französischen Philosophen für einen wertfreien Aspekt der heutigen Kunst, die auf die Mobilität des zeitgenössischen Lebens mit einem neuen, lebendigen Skulpturenbegriff antwortet.
Oft wird das Publikum direkt angesprochen: Es kann auf Fusstasten treten, um Tinguelys mobile Skulpturen zum Laufen oder Rotieren zu bringen, oder die kinetischen Objekte von Werner Witschi und Dieter Roth in Bewegung setzen, um damit Moiré-Effekte entstehen zu sehen. Beim Kopf (1992) von Markus Raetz kommt das Publikum selbst in Bewegung. Im Umrunden der Eisenskulptur sieht es den Kopf bald in aufrechter, bald in verkehrter Position. Mit der kreisenden Bewegung des Betrachters scheint sich die Skulptur selbst zu bewegen.
Bei manchen Skulpturen und Installationen der jüngeren Generation beschränkt sich die Aktivität des Publikums nicht allein auf das schauende Gehen oder das Drücken von Tasten, es soll vielmehr die Werke aktiv nutzen. Die Video-Skulptur In den Schluchten des Balkan (2005) von Željka Marušić / Andreas Helbling können wir im wahrsten Sinne des Wortes in Besitz nehmen, indem wir uns in die Videoskulptur hineinsetzen; bei San Kellers Installation Schreiben Sie dem Kunstbetrachter einen Liebesbrief  dürfen wir uns ans Schreibpültchen setzen, um im Lesen der (an uns gerichteten) Liebesbriefe das Werk gleichsam zu aktivieren.
Bei der Suche nach „bewegten“ Skulpturen in unserer Sammlung sind wir erstaunlich oft fündig geworden, auch dort, wo Bewegung vorerst kein vordergründiges Thema scheint. Bereits der sichtbar belassene Schaffensprozess, das bewusste Addieren von Einzelelementen aber suggeriert Bewegung und Zeit. Am schlagendsten wird dies bei einer neuen geschichteten Stabskulptur (2005) von Gunter Frentzel sichtbar: Mit einer Vielzahl von Vierkantstäben hat der Künstler einen Turm aufgeschichtet, in dessen Innern sich beim Umkreisen der Skulptur fast filmisch ablaufende Moiré-Effekte ergeben. Dadurch bietet sich eine überraschende Verbindung zu den kinetischen Objekten von Roth und Witschi an. Die Zusammenschau dreidimensionaler Kunstwerke von 22 Künstlerinnen und Künstlern wird punktuell ergänzt mit (Bildhauer-)Zeichnungen. Auch sie visualisieren Bewegungen und Abläufe. Sie treten am klarsten bei Signers Projektzeichnungen auf, mit denen sich der Künstler seine bewegten Skulpturen, seine Aktionen oder „kleinen Ereignisse“ vorstellte.


Christoph Vögele



Vernissage:
Samstag, 17. Januar, 17 Uhr

Öffentliche Führungen:
Sonntag, 15. Februar, 15. März, jeweils 11 Uhr