Gunter Frentzel (*1935) hat mit seinen Skulpturen und Installationen einen wesentlichen Beitrag zur Diskussion über neue Formen dreidimensionaler Kunst geleistet. Mit seinem innovativen Schaffen hat der in Berlin geborene, seit Jahrzehnten in der Nähe von Solothurn lebende Künstler die nationale Kunstszene nachhaltig geprägt. Rund zwanzig Jahre nach seiner ersten Einzelausstellung im Kunstmuseum Solothurn, 1990, widmet ihm das Museum nun eine Retrospektive mit Werken aus den Jahren 1977 bis 2011.
Das künstlerische Schaffen verblüfft schon im Frühwerk durch eine radikale Einfachheit, die ihn in das Umfeld der Minimal Art rückt. Besonderes Interesse zeigt Frentzel bereits in den siebziger Jahren für die Frage des Gleichgewichts. Er sucht es vorerst im dualen Bezug unterschiedlicher Materialien, kombiniert Stein und Holz, Stein und Metall. In einem weiteren Schritt verbindet er Metallplatten und Vierkantstäbe. Heute beschränkt er sich auf Metallstäbe, die er zu vielteiligen, mit Moiré-Effekten spielenden Skulpturen aufschichtet und dabei erneut die Grenzen der Stabilität auslotet. Obwohl Frentzels Werke eine skulpturale Präsenz ausstrahlen, sind sie in ihrem Charakter der Installation verbunden, können jederzeit auf- und wieder abgebaut werden. Von derselben Leichtigkeit ist seine Laser-Kunst. Während der Ausstellung wird der Künstler zwischen Museum und Stadt Licht-Linien in den nächtlichen Himmel „zeichnen“.
Trotz der seltenen Konsequenz und Stringenz des Schaffens geht die Ausstellung nicht von der Chronologie des rund dreissigjährigen Werkes, sondern von der räumlichen Notwendigkeit der jeweiligen Arbeiten und der spezifischen Saalfolge des Kunstmuseums Solothurn aus. Darin spiegelt sich das installative Denken des Künstlers, der bei seinem fast nomadischen Umgang mit seinen Werken vorerst nach einem geeigneten Ort sucht, um „seine Zelte“ aufzuschlagen. So passen sich die einzelnen, oft sehr raumgreifenden Arbeiten in selbstverständlicher Weise in die sieben Parterre-Säle des Museums ein: Im ersten Saal etwa zeigt Frentzel eine Stabskulptur von 2008, deren runde Form als Echo auf den geschwungenen Treppenabgang des Saales gelesen werden kann. Und der kleine quadratische Eckraum des dritten Saales eignet sich in idealer Weise zur Ausbreitung einer teppichartigen Bodenskulptur von 2010. Besonderes Augenmerk liegt auf den Blickrichtungen und der Wegführung, die durch Architektur und Durchgänge bestimmt wird. So werden Blickachsen bewusst genutzt und in ihrer ganzen Länge mit Kunstwerken besetzt. Es gelingt Frentzel in schlagender Weise, die beiden durch Foyer und Treppenhaus getrennten Flügel formal zu verbinden. Die schmalen Nordsäle nutzt er für die Platzierung der kleineren Skulpturen aus dem früheren Schaffen, das bereits ab den späten siebziger Jahren seine Auseinandersetzung mit dem Thema des Gleichgewichts reflektiert. Wie konsequent sich Frentzel diesem Thema widmet, zeigen im selben Saal Arbeiten aus den 1980er und 1990er Jahren. In den lichtdurchfluteten grossen Quersaal setzt er eine Auswahl seiner leicht wirkenden „Türme“ aus Vierkantstäben. Der letzte Saal schliesslich wird als Ganzes mit einer neuen riesigen Installation bespielt, unter der die Besucherinnen und Besucher wie unter ein Zeltdach treten können.
Die Retrospektive zu Gunter Frentzels Schaffen steht in der renommierten Ausstellungs- und Buchreihe Binding Sélection d’Artistes der Sophie und Karl Binding Stiftung Basel. Zur Ausstellung erscheint ein reich bebildertes Buch (D/E, 172 Seiten) im Verlag für moderne Kunst Nürnberg, mit Texten von Dr. Ulrike Lorenz, Direktorin Kunsthalle Mannheim, Dr. Dorothea Strauss, Direktorin Haus Konstruktiv, Zürich, Konrad Tobler, Kunstpublizist, Bern, und Christoph Vögele.
Christoph Vögele