In erster Linie

Zeitgenössische Zeichnungen aus der Sammlung des Kunstmuseums Solothurn

15.01.2011 – 25.04.2011
Graphisches Kabinett

Das Kunstmuseum Solothurn engagiert sich konsequent für die Vermittlung und den Erwerb von Zeichnungen. Die zeitgleiche Einzelausstellung von Albrecht Schnider, die sich dem Wechselverhältnis von Zeichnung und Skulptur widmet, hat eine Accrochage unserer eigenen zeitgenössischen Blätter motiviert. Wird die Zeichnung von manchen Sammlern und Vermittlern noch immer als vermeintliches Nebenprodukt vernachlässigt, steht sie in Solothurn seit Jahrzehnten „in erster Linie“. Mit der Konzentration auf die Linie besinnen wir uns zudem auf das genuinste und direkteste Mittel der Zeichnung. Lag 2009/10 mit einer Accrochage der Aquarelle und Sepien das Augenmerk auf farbigen und malerischen Blättern, stehen nun weitgehend schwarz-weisse Linienzeichnungen im Vordergrund, die von der Ausdruckskraft des Striches und dem Hell-Dunkel ihrer Kompositionen leben. Gerade am spezifischen Strich, an der „Handschrift“, lässt sich die Eigenart der verschiedenen Kunstschaffenden besonders gut erkennen.
Die Präsentation umfasst eine grosse Zahl von erstmals gezeigten Werk-Gruppen, die in den letzten Jahren durch Ankäufe und Schenkungen oder als Depositum des Kunstvereins Solothurn ins Haus gekommen sind. Dazu gehören etwa Werke des Genfer Zeichners Marc Bauer (*1975), der 2005 zusammen mit Shahryar Nashat und Alexia Walther im Kunstmuseum Solothurn ausgestellt hat. Wurde bereits damals ein Konvolut seiner sehr eigenständigen und bewegenden Blätter erworben, konnte dank der Grosszügigkeit der Freunde des Kunstmuseums Solothurn kürzlich eine weitere, sehr umfangreiche Serie zum Thema von Wahnsinn und Psychiatrie angekauft werden. In seinen Bild- und Textblättern setzt sich Bauer mit der entsprechenden Geistes- und Gefühlswelt von Friedrich Nietzsche, Antonin Artaud und Michel Foucault auseinander, verbindet deren Porträt-Zeichnungen mit Darstellungen psychiatrischer Zwangsmassnahmen und dem uralten Motiv des „Narrenschiffes“. Dabei gelingt es dem Zeichner, zwischen den einzelnen Blättern ein ungemein dichtes Netz von inhaltlichen Verbindungen aufzubauen. Das Prinzip des assoziativen Zusammenfliessens zeigt sich auch bei Bauers typischem Zeichenstil, der durch ein Überlagern, Ausradieren, Verwischen oder Offenlassen bewusste Unschärfen erzeugt, die den Imaginationsprozess anregen.
Solch lebendige Bildprozesse ermöglichen sich auch in den grossformatigen Blättern der Solothurner Zeichnerin Raffaella Chiara (*1966). Statt fliessender Assoziationen zeigt sich nun aber ein Zusammenprall von Gegensätzen, wie bei Wohnen im Park (2005). Das Nebeneinander von Natur und Technik findet im Nebeneinander von Farbstift, Bleistift und Kunstharzlack eine stoffliche Entsprechung. Zugleich gehören solch „hybride“ Zustände, denen in der aktuellen Diskussion besondere Aufmerksamkeit gilt, zum typischen Erleben der heutigen Welt. Diese wird in Chiaras Symmetrischer Fusion (2005) gleichsam zusammen gestückt: Gewachsenes neben Geplantem, Gestriges neben Künftigem.
Die Zeichnung, die sich zumeist aufs kleine Papierformat beschränkt, tendiert in den letzten Jahren vermehrt zur Grösse und hat in der Wandzeichnung eine neue Aktualität gefunden. Immer häufiger treten aber auch Zwischenformen auf; statt der blossen Wand werden als Träger riesige Papierbahnen gewählt, die eine vergleichbare physische Wirkung entwickeln. Mit den Werken von Renata Borer (*1956) und Robert Estermann (*1970) begegnen uns zwei ganz unterschiedliche Nutzungen des Grossformates. Während es bei Renata Borers Zwischenzone II (2007)  zu einer paradoxen und faszinierenden Verbindung von kleinteiliger Zeichnung und monumentaler Wirkung kommt, entwirft Estermann seinen Grossen Modernen Strand (2008) mit wenigen Strichen und evoziert mit einfachsten Mitteln ein verblüffendes Raumgefühl. Zugleich mag er mit seinen nur scheinbar spontanen Gesten den viel beschworenen Geist der „Grossen Moderne“ aufs Korn nehmen.
Mit welcher Nonchalance aber auch andere Generationen operieren, zeigen die Werke von Mariann Grunder (*1926). Nach ihrer Solothurner Ausstellung von 2008 kamen durch Ankäufe und Schenkungen ganz ungewöhnliche und ungemein schlagende Blätter ins Haus, die Mariann Grunder mit der Spraydose oder mit farbigen Abklebbändern „gezeichnet“ hat. Zu den weiteren Schenkungen der letzten Jahre gehören u.a. Zeichnungen von Heinz Egger (*1937), Jean Mauboulès (*1943), René Zäch (*1946) und Boris Rebetez (*1970). Die eindrucksvollen, stilistisch ganz unterschiedlichen Werkgruppen werden erstmals nach ihrem Erwerb präsentiert. Ergänzt wird die Ausstellung durch eine Auswahl weniger Skulpturen, die Prinzipien des Zeichnens reflektieren.

Christoph Vögele