Silvie Defraoui

Und überdies Projektionen (Archives du futur)

17.05.2014 – 03.08.2014
Ganzes Parterre

Das Kunstmuseum Solothurn widmet Silvie Defraoui (*1935), Pionierin der Video-Kunst und lang­jährige Professorin der Ecole supérieure d’art visuel ESAV in Genf, eine umfangreiche Einzelausstel­lung. Zusammen mit ihrem Mann Chérif Defraoui (1932-1994) arbeitete sie ab 1975 an den Archives du futur. Dieser inten­siven Beschäftigung mit Zeit, Existenz und Wahrnehmung verschrieb sie sich auch nach dem Tod ihres Partners mit Videos, Fotografien und Installationen unvermindert weiter. Die Ausstellung steht in einer langen Reihe von Präsentationen. Wichtigste Stationen waren die Beteili­gung an der Documenta IX in Kassel (1992), eine Einzelausstellung im Helmhaus Zürich (2000) so­wie die Retrospektive des Kunstmuseums St. Gallen, die auch in Genf und in Thessaloniki (2004/05) gezeigt wurde. Nach einer Ausstellung im Centre Culturel Suisse in Paris (2009) bietet die über sieben Säle angelegte Präsentation des Kunstmuseums Solothurn nun die Möglichkeit, die neuesten Werke im Kontext früherer Arbeiten kennen zu lernen.

Bereits mit dem nüchtern anmutenden Ausstellungstitel Und überdies Projektionen stellt sich die Frage der Wahrnehmung, die das ganze Schaffen durchzieht. Wie darf der Titel verstanden werden? Als Hinweis auf die hauptsächlich verwendete Technik, die Projektion von Lichtbildern und Filmen? Oder als ein gleichmütiger Kommentar auf unser subjektives Verstehen, das von unseren persönlichen Vorstellungen geprägt ist? Beide Antworten sind richtig, lebt das Schaffen doch ebenso von einem nüchtern konstatierenden wie einem nachdenklichen Blick, der mit dem Alltäglichen das Allgemein­gültige fasst. Es gehört zur Eigen­art von Projektionen, dass sich Lichtbild und Träger überlagern. Sie sind ebenso schwierig zu trennen, wie die Sinnebenen unseres doppeldeutigen Ausstellungstitels.

Silvie Defraoui hat einen Parcours angelegt, der im Ost-Saal beginnt. Ausgehend von den kunst­vollen Terrazza-Böden lenkt die Künstlerin den Blick auf den Boden, den sie mit selbstkleben­den Formen bedeckt. Zwischen diesen öffnet sich ein Weg, der zu einer niedrigen Metallkonstruktion (Nacht und Tag und Nacht, 2000) führt, die vom Publikum überstiegen oder umwandert werden muss. Auf dem podestartigen Objekt kann nicht nur die Ausbreitung der Formen wie ein Garten überblickt werden, der Grundriss der symmetrischen Metallkonstruktion erinnert auch an die Beete und Kanäle eines orientalischen Gartens. Mit den Blumen-Motiven der neuesten Fotoarbeiten (Faits et Gestes, 2014) wird diese Thematik im folgenden Saal aufgenommen: Nahansichten sinnlichster Blüten ver­binden sich mit Pressebildern von (Natur-)Katastrophen. Neben Bildern vergänglicher Blumenpracht, mit denen das alte Vanitas-Motiv aufgenommen wird, gehört der Text als Kommunikationsmittel und graphische Form zu den Leitmotiven der Ausstellung. In gemalten Sprachbildern (2000 und 2014) wird die Schönheit der Schrift, der formale Rhythmus von Gedichten sichtbar. In der vielteiligen Foto­arbeit Grille de Lecture (2013/14) werden Buchstaben und Bilder in einem Gitter aufeinander bezo­gen, um damit die alltägliche Verbindung von Sehen und „Lesen“ zu betonen.

Zum Reiz der Ausstellung gehört der stete Wechsel der Perspektiven, der den Blick zwischen Wand und Boden wandern lässt, das Durchlaufen des Parcours zu einer ungemein reichen, zuweilen traum­haft anmutenden Reise macht. So finden sich bei der Präsentation der Videos die unterschiedlichsten, stets auf den Inhalt der Werke abgestimmte Projektionsformen: vertikal auf den Boden, frontal auf die Wand oder auf einen im Raum hängenden Screen – wie bei dem im letzten Saal laufenden Video-Loop Résonances et courants d’air (2009). Die narrative Wirkung der Arbeit mit ihren rituellen Wie­derholungen wird klanglich unterstrichen mit Auszügen aus den „Märchen von 1001 Nacht“. Und damit schliesst sich der Bogen zum „orientalischen Garten“ des ersten Saales.