Tapetenwechsel

Zeitgenössische Wandmalerei und Wandzeichnung

29.06.2002 – 24.08.2002
Ganzes Parterre

In den letzten Jahren beschäftigen sich immer mehr Kunstschaffende mit Werken, die sie direkt auf die Wand ausführen. Dabei wenden sie jedoch nicht mehr die traditionelle Fresko-Technik an, und ihre Arbeiten sind auch nicht mehr auf Dauer angelegt. Die technischen Zugänge sind ausserordentlich vielfältig: Neben dem direkten Bemalen und Bezeichnen der Wände mit unterschiedlichsten Materialien nutzen manche KünstlerInnen auch Collagen oder (Bild-) Tapeten. Eine Extremposition der zeitgenössischen Wandmalerei findet sich zudem in flächendeckenden Projektionen von filmischen, interaktiv veränderbaren Bildern. (Franticek Klossner). Auch stilistisch zeigt sich eine grosse Vielfalt: Von reinen Schriftbildern (Alex Hanimann) reicht der Bogen bis hin zu illusionistischen Darstellungen (Monica Studer/ Christoph van den Berg). Häufig ist die Verwendung von Mustern und Ornamenten, die Verbindung von gegenständlicher Allusion, Stilisierung und Abstraktion sowie die repetitive Anordnung, wie sie auch für herkömmliche Tapeten typisch ist. Das „all over“ der Wandbilder betont den Raum, für den sie geschaffen sind. Dadurch erleben wir sie nicht selten als „Installationen“, die den Sälen einen ganz neuen Charakter geben. Der Schritt von der Gestaltung der Wände zum Design des Innenraumes ist naheliegend: Zunehmend werden nun auch Objekte, halb Möbel, halb Skulptur, in das ästhetische Gesamtbild einbezogen (Sabina Lang/Daniel Baumann). Darin zeichnet sich ein Trend zum Gesamtkunstwerk ab.
In der Ausstellung zeigen zehn unterschiedliche Positionen die besagte Vielfalt der Zugänge. Für den Bereich der Wandzeichnung stehen etwa die Umriss-Figuren von Hubert Dechant. Die Stilisierung seiner feinen Strichzeichnungen entspricht der typenhaften Erfassung der Menschen, die in der Flächigkeit der hellen Wand auftauchen und wieder verschwinden. Addition und Ablauf, Muster und Fläche der Wandzeichnung suggerieren alltägliche Begegnungen mit Passanten, die wir sehen, im Einerlei der Massierung aber nicht wahrnehmen. Auch Christian Denzler arbeitet als Zeichner. Minuziöse Handzeichnungen werden vielfach vergrössert und auf Tapetenbahnen gedruckt. Betont die Repetition gleicher Formen die Fläche und Geschlossenheit der Wand, erzeugt Denzler mit seinen ornamentalen Flechtwerken und organischen Formen zugleich illusionistische Tiefe.
Die Illusion ist bei vielen der präsentierten KünstlerInnen ein zentrales Thema. Damit mögen sich manche direkt oder indirekt auf die Tradition des barocken Wand- oder Deckenbildes beziehen und sich im Zeitalter der virtuellen Möglichkeiten mit der alten Frage von Schein und Sein, von Original und Kopie auseinandersetzen. Karim Noureldin balanciert mit seinen Wandarbeiten nicht nur auf dem Grad zwischen Raumillusion und Fläche, sondern auch zwischen perspektvisch anmutender Zeichnung und ornamentaler Malerei. Der spezifische Glanz changierender Farben unterstützt solche Kippeffekte und hebt die scheinbare Statik auf.
Ist bei vielen Wandbildern kaum mehr eine Handschrift sichtbar, ja bewusst unterdrückt, wird bei andern der Entstehungsprozess betont, etwa bei den Spraybildern von Renée Levi oder den Wandzeichnungen von Verena Thürkauf. Sichtbar wird dieser auch bei Roman Signer, der an der Vernissage mit einem „kleinen Ereignis“ das letzte Wandbild schafft: Ein Fass mit einer aufmontierten Spraydose wird beim Abrollen eine Farbspur an die Wand werfen.
Da fast alle eingeladenen Kunstschaffenden ihre Arbeiten den spezifischen Verhältnissen des Kunstmuseums anpassen müssen, wird eine Vielzahl ganz neuer Werke zu sehen sein. So entwickelt etwa das Basler Künstlerpaar Monica Studer/Christoph Van den Berg eine neue Szene ihrer „Vue des Alpes“-Serie, ein riesiges, 13 m langes Tapetenbild.
Im Verlaufe der Ausstellung erscheint ein Postkarten-Leporello aller Arbeiten. Die Finissage vom 24. August ist zugleich das Jubiläumsfest, für das die Wandmalereien und Wandzeichnungen einen idealen Rahmen bilden.

Christoph Vögele