Die Solothurner Künstlerin Luzia Hürzeler (*1976) beschäftigt sich seit 20 Jahren mit der Repräsentation von Tieren sowie den kulturellen Vorstellungen, die Menschen damit verbinden. In Hürzelers Fotografien, Videos und Installationen hinterfragt die Künstlerin kritisch, wie Tiere in naturhistorischen Museen, Zooanlagen oder in der Kunst inszeniert und welche Bedeutungen ihnen dabei zugeschrieben werden. Die Ausstellung lädt dazu ein, der Konstruktion von «Naturbildern» auf die Spur zu kommen und alternative Perspektiven zu erkunden. So zählen im Kunstmuseum Solothurn, 1902 als «Museum der Kunst und Wissenschaft» gegründet, für einmal wieder Wölfe, Vögel oder gar Gorillas zu den Protagonisten.
Ob präparierte Vögel aus dem Solothurner Umland, Hürzelers eigene verstorbene Katze, das Gorilla-Diorama aus dem Naturhistorischen Museum Bern, ob Wölfe und deren Werdegang vom Wildnis-Symbol zum Museumsstück oder Zirkus- und Zootiere in einer menschgebauten Umgebung – der Moment der Begegnung von Mensch und Tier treibt die Künstlerin um.
Ausgangspunkt ihres Schaffens sind nicht selten akribisch durchgeführte Recherchen sowie die Zusammenarbeit mit Expert*innen aus unterschiedlichen Wissensfeldern. Hürzeler arbeitet in Archiven, unternimmt Reisen, studiert Landesgeschichten, tritt in Kontakt mit Menschen, deren Lebenswege direkt oder indirekt mit Tieren in Verbindung stehen, und sie untersucht, in welche Beziehungsgeflechte Mensch und Tier dabei geraten. Eigene Erfahrungen und «Selbstversuche» sind seit den Anfängen Teil ihrer künstlerischen Strategie.
In einer Zeit, in der Tiere wieder vermehrt als Akteure wahrgenommen werden, die unsere menschliche Gesellschaft mitgestalten und von denen unsere Existenz abhängt, erhalten Hürzelers Reflexionen zusätzliche Brisanz.
Natürlich darf in der Ausstellung die Auseinandersetzung mit dem Wolf nicht fehlen, denn in diesem Kontext hat sich Hürzeler in den letzten Jahren einen Namen gemacht. In En dernier lieu (2019), eine Installation mit acht doppelseitig bespielten Leuchtkästen, steht das Schicksal von Wölfen aus dem Wallis, und damit unsere Koexistenz mit der Spezies zur Disposition. Dazu lässt die Künstlerin in Qui a vu le loup (2019) vier Wolfs-spezialisten in Videogesprächen zu Wort kommen. In How to sleep among wolves (2014–2026) richtet sie ihren Blick dagegen auf den Zoo als Betätigungsfeld.
Hürzelers intensive Beschäftigung mit dem Gorilla, der 1927 vom Basler Grosswildjäger Eric Miville im damaligen Belgisch-Kongo erlegt wurde, und der seit den 1930er-Jahren im Naturhistorischen Museum Bern in einem Diorama ausgestellt ist, wird in einer mehrteiligen, multimedialen Inszenierung erstmals dem Publikum vorgestellt. In Das Bild, in dem wir uns treffen (2026) steht eine lebensgrosse Fotografie des präparierten Gorillas einer Videoprojektion gegenüber, die eine Reise von Bukavu bis zum heutigen Nationalpark Kahuzi-Biega zeigt, um just an jenem Ort zu enden, wo einst der Gorilla gewaltsam zu Tode gekommen ist. Hürzelers minuziöse Spurensuche verortet sich in der Gegenwart und verschafft den Stimmen Beteiligter Gehör. Sie führt gleichzeitig zu den Ursprüngen und Vorbildern des Dioramas zurück, und damit auch zu den Anfängen der kolonial geprägten Vergangenheit dieser sowie vergleichbarer Gorilla-Darstellungen.
Ordnungs- oder Klassifikationssysteme und die Frage, wie sie unser Verhältnis zu anderen Lebewesen prägen, interessieren die Künstlerin seit geraumer Zeit. In der eigens für die Ausstellung geschaffenen Videoinstallation Die Ordnung der Vögel (2026), die in Kooperation mit dem Naturmuseum Solothurn entstanden ist, nimmt Hürzeler Bezug auf die naturhistorische Sammlung der Stadt, die früher im Parterre des heutigen Kunstmuseums Solothurn präsentiert wurde. Mit der Umsiedlung des Naturmuseums Ende der 1970er-Jahre an seinen aktuellen Standort am Klosterplatz kamen viele Präparate im Estrich der Stadtpolizei Solothurn unter. Als diese kürzlich für den Umzug in ein modernes Depot vorbereitet wurden, war Hürzeler dabei und hielt filmisch fest, wie Teile der Vogelpräparate gereinigt, fotografiert, verpackt und aus dem Gebäude abtransportiert wurden. Der Blick hinter die Kulissen führt zur Befassung mit Aufschlüssen, Rückschlüssen und Interpretationen, die naturwissen-schaftliche Sammlungen im Gestern und Heute eröffnen.
Was sich als Natur zeigt ist meist menschgemacht und beinhaltet strukturelle Machtgefüge genauso wie Vorstellungen und Ängste in Bezug auf das Leben, den Tod oder die vergehende Zeit. Kategorien wie «Fiktion» und «Dokumentation» werden von der Künstlerin gezielt unterlaufen, um neue Verhältnisse und Begegnungen zu testen. Unweigerlich stellen sich Fragen nach ästhetischen, historischen, politischen wie moralischen Verstrickungen – und wir stehen mittendrin.
In die Ausstellung, die das ganze Parterre im Kunstmuseum Solothurn umfasst, sind Werke aus den hauseigenen Beständen sowie weitere künstlerische Positionen aus dem In- und Ausland eingewoben, in denen Mensch-Tier-Naturbeziehungen von unterschiedlichen Blickwinkeln beleuchtet werden. Die Auswahl wurde zusammen mit Hürzeler kuratiert und verspricht vielstimmige Perspektiven auf eine hochaktuelle Thematik. Mit dabei sind: Sammy Baloji, Richard Barnes, Gabriela Bettini, Balthasar Burkhard, Marie José Burki, Max Doerfliger, Urs Eggenschwyler, Candida Höfer, Alain Huck, Jürg Kreienbühl, Rémy Markowitsch, Meret Oppenheim, Hannes Rickli, Ernst Georg Rüegg und Hiroshi Sugimoto.
Die Ausstellung wurde kuratiert von Katrin Steffen und Tuula Rasmussen.
Besonderer Dank für die Unterstützung der Ausstellung und Publikation an den Swisslos-Fonds des Kantons Solothurn, die Däster-Schild Stiftung, an Pro Helvetia, Else von Sick Stiftung sowie an die Videocompany. Bedanken möchten wir uns darüber hinaus beim Naturmuseum Solothurn, der Hochschule der Künste Bern und beim Schweizerischen Nationalfonds.